10 Thesen zu „Wohnungslose und ihre Selbstorganisation – Egoistische Platznahme oder Dienst an der Gesellschaft?“ Tagung der ggfp in München am 01.10.2021



  1. Allein dieser <Arbeitstitel> ist schon Sprengsatz! „Egoistische Platznahme oder Dienst an der Gesellschaft?“ Dieses Treffen der GGfP in 2021 beschäftigt sich mit dem Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft unter den Bedingungen der Pandemie wie der Zeitläufe des neuen 21. Jahrhunderts, mit den Beziehungen des Individuum zum Kollektiven, wobei das Kollektive begrifflich nicht ganz klar ist. Das Kollektiv meint sowohl das Globale, die Nation, die soziale Verortung, das Quartier, als auch den sozialen Nahraum von Familie und zuhause.

  1. Der Status von Obdachlosen und Wohnungslosen bedeutet im wesentlichen die Festschreibung der sozialen Exklusion. Kann es in diesem gesellschaftlichen Zuschreibungsprozess des Ausschlusses eine Form von egoistischer Platznahme geben? Egoistisch könnte bedeuten, ich lebe auf Kosten anderer, ich bereichere mich, ich akkumuliere Macht und Einfluss. Ich tue dies bewusst und zu Lasten anderer, ich nehme für mich Gewinn und Vorteil zu Unrecht in Anspruch.

 

  1. Wie können Menschen in Ausgrenzung, die weder über ökonomisches, kulturelles gar politisches Kapital verfügen in irgendeiner Art und Weise egoistische Platznahme signalisieren oder faktisch bekommen. Selbst wenn sie, wie die Vagabunden der 20er Jahre proklamieren, „Generalstreik ein Leben lang!“ nimmt das niemand zur Kenntnis. Die Arbeiterklasse und ihre Anführer distanzierten sich und die braune Ideologie hält nach 1933 die KZ- Tore für diese ABWEICHLER offen: Die Bettelei bleibt auch nach 1945 bis in die späten 70er Jahre verboten und die Möglichkeit die „Verweigerer“ in die Zwangstherapie zu schicken, bleibt den Gerichten offen, klingt nach Therapie statt Strafe.



  1. Bleibt zu prüfen, wann und wie die Ausgegrenzten sich an- fangen zu organisieren, indem sie eine Berufsgattung/die Soziale Arbeit an die Seite bekommen, die ihre Emanzipation befördern will, was passiert dann? Man kann es zeigen an den Selbstorganisationen der Bundesbetroffeneninitiative BBI sowie der lak-bw Baden-Württemberg.



  1. Ein neues Leitbild taucht am Horizont auf. Unter bezug auf die Menschenrechte, besonders den Sozialpakt von 1967 gewinnen die gesellschaftlichen Verlierer ein neues Leitmotiv: Menschenrechte. Die „most vulnerablen“ haben auf einmal ein Instrumentarium, das sie nutzen können. Im Politischen Kampf um Macht und Einfluss bedeutet der Sozialpakt einen maximalen Zugewinn. Heraus aus der Ohnmacht, weg vom gesellschaftlich verordneten Rand.



  1. Ist das alleine bereits der „Marsch vom Rand ins Zentrum“? Nein mit Sicherheit nicht, denn ohne Befähigung/Capabilities zu diesem Weg, zur Selbstermächtigung, zur Selbstmandatierung, gelingt das nicht. Es bedarf einer Konstruktion von Organisation, von Programmen, von Menschen, die daran arbeiten und diese Ziele gemeinsam verfolgen.



  1. Der Schritt ist eindeutig: ohne Plattformen zu bilden, geht dieser Weg ins Unverbindliche. Gregor Gog hatte 1928 die Idee, die Bruderschaft der Vagabunden zu gründen, die Bruderschaft der vagabundischen KünstlerInnen parallel dazu. Dass das gescheitert ist, spricht nicht gegen diese Idee. Sie wiederholt sich 5o jahre später als BBI entstehen und diverse Abspaltungen daraus wie das Armutsnetzwerk u. a. Wieder rund 20 Jahre später entdecken die Basisorganisationen jetzt, dass sie einen Anteil der gesellschaftlichen Macht der Verbände bekommen könnten. In der noch gemeinsamen NAK könnte das möglich sein, wenn die Sozialverbände die Macht zu teilen bereit sind.



  1. Wir beschreiben beispielhaft mehrere Ebenen und Aktionsfelder, die zeigen dass organisiertes Empowerment von unten nicht egoistische Raffgier ist, sondern im höchsten Masse zum Sozialprozess einer Gesellschaft beiträgt, um Formen und Inhalte sozialer Gerechtigkeit und politischer Mitsprache zu erreichen.



  1. Organisation und Aktion:

  • Zusammenschluss der 4 Länder: zwischen 4 – 5 Ländern entstehen Beziehungen und Themen, entsteht ein Austausch von Positionen und Erfahrungen, mühselig oft, aber auf Dauer doch stetig und nachhaltig; es erfordert Pflege und Zeit, Vertrauen und die Überzeugung, dass es zwischen uns keine Grenzen gibt…..



  • Emanzipation der Basis in der nak: Die lak-bw ist Mitglied mit Gaststatur, die BBI ist stimmberechtigtes Mitglied seit 2008; jetzt befindet sich die nak in der Krise und im Umbruch; die Diskrepanz der Verbände und der Basisorganisationen ist zu gross geworden… Wir fordern Demokratisierung und Parität, dann kann es weitergehen, ansonsten ist das Projekt am Ende….



  • Menschenrechtsbüro Baden-Württemberg: ein langer Weg von 2012 bis 2021. Bis zum förmlichen Beschluss am 15. Juli 2021. Der Name Roger- Winterhalter- Menschenrechtsbüro ist Programm; länderübergreifend gedacht, ausgestaltet mit Ideen, die der Umsetzung bedürfen… Im Zentrum steht, dass sich Armutsfragen und Menschenrechtsfragen gemeinsam stellen…



  • Charta zur Landtagswahl 2021 Baden-Württemberg: Die gemeinsame LAK-BW hat ein entsprechendes Papier mit diesem Namen erarbeitet; es ist gleichsam eine Agenda für eine Wahlperiode in Baden-Württemberg. Zahlreiche direkte und indirekte Anleihen bei den Menschenrechtsfragen und MR-Visionen…. Sie bleibt Diskussion und Orientierung





  • Jährliche Aktionswoche „Armut bedroht alle“ in Baden-Württemberg: seit 2oo4 Praxis gewordene soziale Aktion in BaWü; wesentliche Elemente und gesicherte Bestandteile finden sich in der Aktionswoche. In Sonderprojekten der lak-bw haben sie sich weiter entwickelt: der Tag der Basis, das Landespolitische Gespräch, die Soziale Aktion in der jeweiligen Woche in Form von Mahnwache, Kampagne, Deklaration….



  • Gründung einer lak-bw e. v. in Baden-Württemberg: Das ist besonderes Moment in der Rückschau auf das Jahr 2012. Dieses Jahr 2012 schliesst eine längere Phase von Orientierung und Themen- wie Formensuche der politischen Artikulation ab. Eine neue Phase bricht an: Die Phase der Selbstmandatierung und politischen wie kulturellen Vernetzung auf Landesebene BaWü. BasisvertreterInnen organisieren sich, das Arbeitskomitee als Plattform entsteht, die Delegiertenversammlung basiert auf einem Kooperationsvertrag, einer gemeinsamen Charta mit dem DGB und den Sozialverbänden in Baden-Württemberg. Die lak-bw ist Bestandteil der AG der LAKs auf Bundesebene, mischt in Gremien der Wohlfahrt, der Sozialpolitik mit, vernetzt sich auf Landesebene, auf Ebene der NGOs in Deutschland und zunehmend auch in Europa.



  1. Halten wir fest:

Egoistische Platznahme würde bedeuten

Pflege der Ausgrenzung, Gejammer bzgl. der zugewiesenen Orte des Ausschlusses und der Überflüsssigkeit, Verharren in den Positionen erlernter Hilflosigkeit.

Dienst an der Gesellschaft ist in der Plattform der BBI und in der Plattform der lak-bw deutlich erkennbar: dort entstehen Ideen und Brücken der Mitwirkung an einem emanzipatorischen wie demokratischen Prozess. Im Zentrum steht Gemeinwohl, stehen Intentionen, Grund- und Menschenrechte zu etablieren, am Ende gar zu einem wertvollen Faktor in der gesellschaftlichen Entwicklung zu werden. Lasst uns darüber diskutieren.



Doris Kölz und Roland Saurer, 21.09.2021